Als sich am Ende des 18. Jahrhunderts der erste private Minjan in Berlin zusammenfand, um gemeinsam Gottesdienste in modernerem Stil zu begehen, war keineswegs absehbar, dass sie damit den Grundstein, den Moses Mendelssohn für die Reformierung des Judentums gelegt hatte, so weit verfestigen würden, dass er zur Basis der heute weltweit stärksten jüdisch religiösen Strömung werden sollte.

Schon immer war das Judentum eine Religion, die nicht erstarrt in alten Formen steckenblieb, sondern sich auf Grundlage der mündlichen und schriftlichen Lehre stets dem Fortschritt gegenüber verpflichtet fühlte und Überholtes überwinden konnte und den Erfordernissen der Zeit anpasste. Sei es die Überwindung des Tempelkultus mit der Entwicklung des rabbinischen Judentums, sei es die Abschaffung der Polygamie vor 1000 Jahren oder sei es nun der endgültige Ausbruch aus dem Stedtl und Ghetto mitten in die gesellschaftliche Wirklichkeit. Einer Wirklichkeit, die entweder in der Konversion ins Christentum münden konnte, wie wir z.B. bei Heine, dem Vater von Karl Marx oder selbst bei einigen Kindern von Moses Mendelssohn sehen,  oder eine Modernisierung des Judentums erforderlich machte.

Zu jeder Zeit gab es Menschen, die den Fortschritt mittrugen und solche, die sich von alten Gewohnheiten nicht trennen wollten. Rückblickend auf mehr als 5000 Jahre Geschichte können wir sagen, die Erneurer sind uns im kollektiven Gedächtnis geblieben, die Rückwärtsgewandten hat der Staub der Geschichte ins Vergessen verbannt.

In wenigen Jahrzehnten, bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, gelang es den reformfreudigen Juden, die Erneuerungsideen in dem damals noch in Kleinstaaten verharrenden Deutschland zu verbreiten.

In verschiedenen Städten bildeten sich kleinere oder größere Reformgemeinden, die, von den altfrommen bekämpft und verachtet, immer mehr Zulauf fanden und schon bald die ersten Synagogen in Betrieb nahmen.

Die erst 1845 gegründete Berliner Reformgemeinde konnte schon wenige Jahre später, nämlich 1854, nachdem sie an verschiedenen Orten in provisorischen Räumlichkeiten gebetet hatte, ihren Tempel, entworfen von Gustav Stier (1807 - 1880), in der Johannisstraße 16, nahe der erst 10 Jahre später errichteten Synagoge in der Oranienburger Straße, eröffnen. Der repräsentative Bau mit zwei Seitenflügeln für Gemeindeverwaltung und Schule, sollte 84 Jahre die Heimat der Berliner Jüdischen Reformgemeinde bleiben, bis sie von den Nazis verboten wurde. In den Jahren von 1940 bis 1943 diente der Reformtempel als Ausweichsynagoge für die Beterinnen und Beter der Oranienburger Straße, bis auch von diesen kaum noch welche übrig waren.

Reformtempel FassadeDer Bombenkrieg hinterließ dann auch noch eine Trümmerstätte, die nie wieder aufgebaut wurde (bitte fahren Sie mit der Maus über das Bild unten rechts).   

Welche wichtigen Reformen in den fast 95 Jahren in der Berliner Reformgemeinde, angedacht, probiert, verfestigt oder verworfen wurden ist in dem Buch „Freiheit und Bindung“ von Simone Ladwig-Winters (Berlin, 2004) nachzulesen, was auch über unsere Gemeinde zu beziehen ist. Eine kurze Zusammenfassung findet man auch bei der Edition Luisenstadt, dem Internetportal des Luisenstädtischen Bildungsvereins.

Ziemlich erfolgreich haben die Nazis es geschafft, die jüdische Reformbewegung in Deutschland zu vernichten, aber zu Beginn der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts fanden sich wieder Menschen zusammen, die die Ideen des Reformjudentums belebten, die bei allen Schwierigkeit neue Gemeinden gründeten, moderne, zeitgemäße Gottesdienste anboten und das Reformjudentum in sein ursprüngliches Heimatland zurück brachten.

In nur 20 Jahren gründeten sich 23 Gemeinden, die sich in einer landesweite Vereinigung, der Union Progressiver Juden in Deutschland, organisierten, es entstand das erste erfolgreiche Rabbinerseminar Deutschlands nach der Schoa, von dem erstmals 2006 Rabbiner in Dresden ordiniert wurden. Große Unterstützung bekommen unsere Gemeinden von der World Union for Progressive Judaism und der Europaen Union.

Es ist nun, 75 Jahre nach der Zerschlagung der jüdischen Reformbewegung in Deutschland,  und fast 25 Jahre nach der Rückkehr des Reformjudentums an den Ort seines Entstehens, an der Zeit, wieder eine angemessene Synagoge, einen neuen Reformtempel und ein progressives Gemeindezentrum hier in Berlin zu errichten.

 

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